Biketempel.de in der Frankfurter Rundschau – Flüchtlinge radeln aus Dank nach Berlin

2. November 2016 | Von | Kategorie: Presse

Zehn radsport-begeisterte Flüchtlinge aus Eritrea wollen von Frankfurt nach Berlin fahren. Um Danke zu sagen, für ihr Projekt zu werben, und um Neuankömmlinge anzuspornen.

Tumzghi Temesgen lässt sein Rennrad keine Minute aus den Augen – nachts steht es sogar neben seinem Bett. Der 19 Jahre alte Flüchtling ist einer von rund zehn begeisterten Radsportlern aus Eritrea, die sich in Frankfurt am Main zum Team AfriQa zusammengeschlossen haben. Unter dem «Motto Refugees on the move» (Flüchtlinge in Bewegung) wollen sie sich am 25. Oktober auf den Weg nach Berlin machen. Mit welchem Ziel? «Dankbarkeit ausdrücken, dass man aufgenommen wurde und hier sein kann», sagt Projektgründer Zerai Kiros Abraham, der als 13-Jähriger zusammen mit seiner Mutter aus Eritrea floh.

Die jungen Afrikaner wollen auf der rund 600 Kilometer langen Strecke aber auch mit anderen Schutzsuchenden, Helfern und Bürgern ins Gespräch kommen und legen dafür voraussichtlich vier Stopps ein. Die erste Etappe führt sie nach Fulda in ein Asylbewerberheim, wie Sozialarbeiter Abraham sagt.

Es folgen Weimar, Leipzig und Dessau. Im Dialog solle das Verständnis füreinander gestärkt und auch gezeigt werden, wie Flüchtlingen noch mehr Perspektiven gegeben werden könnten. «Wir wollen aber auch Neuankömmlinge anspornen.» Nach dem Motto: «Wir machen was. Ihr könnt auch was tun. Gebt nicht auf!»

«Eritrea ist das einzige Land, in dem es Straßenradrennen zum Volkssport geschafft hat», erklärt Abraham die Begeisterung der jungen Männer für das Rennrad. Unter den fünf Millionen Einwohnern des nordostafrikanischen Staates seien etwa 200 Profiradfahrer, erzählt der 38-Jährige und schwärmt von den Rennen in der Hauptstadt Asmara, die er als Kind verfolgt hat.

Bei der letzten Tour de France trug der Eritreer Daniel Teklehaimanot sogar einige Tage das Bergtrikot. Damit sorgte er in seiner Heimat für überfüllte Kinosäle und auch beim Team AfriQa für Begeisterung. «Der Radsport ist Sinn und Lebensinhalt für unzählige, sportbegeisterte Jugendliche in Eritrea», sagt Abraham.

Dem Schüler Tumzghi Temesgen half seine Leidenschaft für den Sport, die traumatischen Erlebnisse der Flucht zu bewältigen und neuen Mut zu schöpfen, wie er sagt. Er war 16 Jahre alt, als er seine Heimat verließ, und kam rund zwei Jahre später mutterseelenallein nach Deutschland. Menschenhändler, Erpressung, Organhandel: Auf der Flucht habe der Jugendliche schreckliche Erfahrungen gemacht, berichtet Abraham. «Ich war verzweifelt und habe angefangen, mein Leben zu hassen», beschreibt Temesgen seinen Zustand in einem Video. «Die Liebe zum Rennradfahren war das Einzige, was mir wieder Hoffnung gegeben hat.»

Einige der Radprofis von Team AfriQa kennen sich schon seit ihrer Kindheit, wie Abraham sagt. Ihr Traum vom Radsport war durch die Flucht in weite Ferne gerückt, einige hätten sieben, acht Jahre nicht mehr auf einem Rennrad gesessen. Ziel von AfriQa sei die Integration der jungen Afrikaner mit Hilfe ihres geliebten Sports in die deutsche Gesellschaft.

Ein geregeltes Trainingsumfeld mit anderen Profi-, Halbprofi- und Hobby-Radsportlern soll entstehen, eine Radwerkstatt aufgebaut und die Möglichkeit geschaffen werden, an Rennen teilzunehmen. Die jungen Eritreer würden am liebsten dauernd trainieren. Allerdings gibt es einen Haken: «Der Radrennsport ist ein teurer Sport», sagt Abraham. Ohne Sponsoren geht es nicht, die Tour nach Berlin lässt sich nur mit Hilfe von Crowdfundig bezahlen.

Stefan Trauth vom mobilen «Bike-Tempel» aus Eschborn ist einer der Unterstützer. Er begleitet die Radtour nach Berlin mit einem mobilen Fahrrad-Kleinbus. Zwar seien die benötigten 7500 Euro für die Strecke noch nicht ganz zusammen, bis zur Abfahrt werde es aber sicherlich reichen, ist er überzeugt.

«Radsport ist ein denkbar gutes Mittel, die neue Heimat kennenzulernen und Kontakte zu knüpfen», sagt  Trauth. Und: «Es gibt Halt, wenn man so ein Werkstück jeden Tag hegt und pflegt und in den Alltag einbaut.» So wie Tumzghi Temesgen, der sein teures, geliebtes, stets blitz blank geputztes Rad nur geliehen hat. (dpa)

Schreibe einen Kommentar